Loveparade – persönliche Verarbeitung

Dienstag, Juli 27th, 2010 | Allgemein, Gesellschaft

Das ist mein letztes Foto (ca. 16.20 Uhr) von der Loveparade, bevor ich mit meiner Freundin diese Seitenrampe hinunter ging, um dann unten links abzubiegen und einige Minuten vor der Katastrophe an der Hauptrampe vorbei gequetscht zu werden.

Wie man auf dem Foto sieht, war es auch hier eng und links stehen die Leute, die rein wollen und rechts diejenigen, die in die Toilettenhäuschen wollen. In der Mitte diejenigen, die raus wollen. Durch die Toiletten ergab sich auch hier eine unnötige starke Verengung (die Rampe ist aber auch so schon eher ‘einspurig’). Vor dem Eingang zu dieser Rampe, also auf der Seite des Geländes, wo die Autobahn ist, war noch viel Platz.

Im Tunnel selbst gab es Menschen, die in alle Richtungen wollten. Als wir die Hauptrampe passierten, kletterten die Leute schon die Treppe hoch. Bis dahin waren es überwiegend Mädchen und ein Ordner versuchte offensichtlich, den Zugang zu steuern.

Ebenso kletterten Leute die verschiedenen Lampenbäume hoch, und das teilweise zu zweit gleichzeitig. Man muss sich das schmaler als eine Leiter vorstellen. Oben wurde ihnen von Polizisten geholfen. Dadurch fühlten sich wohl auch einige weitere ermuntert dort hin zu wollen und es zeigte auch den Hinteren, das es vorne offensichtlich nicht weiter geht. Wir dachten es wäre evtl. gesperrt worden und konnten es kaum fassen. Hinter uns fingen dann die Leute ebenfalls an, auf einem Container die Wand hoch zu klettern.

Neben dem Container standen zu dem Zeitpunkt einige Polizisten in Reihe und schauten sich alles an, griffen aber nicht ein. Ebenso im Zwischentunnel selbst. Obwohl schon sehr vereinzelt sehr verzweifelte und weinende Mädchen von kräftigeren Jungs aus der Menge raus geschafft wurden. Sie wurden auch auf die allgemeine Situation und das unerträgliche Gedränge angesprochen, reagierten aber nicht.

Aber die Polizei hätte an der Stelle wohl auch nicht mehr viel ausrichten können, denn immer noch kamen einige Menschen durch die Tunnel nach, obwohl der Zufluss am Eingang schon durch eine Vereinzelungsanlage geregelt wurde. Aber an den Seiten des Tunnelausgangs, wo vorher Absperrungen standen, waren diese nicht mehr in Betrieb und Menschen gingen durch die Vorgärten. Nach meinem Eindruck aber mehr um dort ihr Geschäft zu verrichten.

Wir trafen beim Rausgehen auch viele die gar nicht wussten, wo es zum Gelände ging. Einen Block weiter zum Sternbuschweg gab es eine weitere Absperrung, vor der die Menschen nicht eingelassen wurden und wir waren froh das wir danach wieder aus dem Gedränge raus waren.

Erst zuhause erfuhren wir gegen 18.00 Uhr von dem Unglück, allerdings von den Eltern meiner Freundin, die am anderen Ende des Tunnels wohnen. Dort liefen die Menschen auch schon durch die Gärten, teilweise ohne Schuhe und halb nackt. Alles schien in der Zwischenzeit ausser Kontrolle geraten zu sein.

Ich bin gespannt was die Ermittlungen ergeben werden, auch um das Bild für mich persönlich zu komplettieren und die offenen Fragen zu beantworten. Trotzdem steht für mich fest das eine der Ursachen für diese Katastrophe auf jeden Fall die Eingangssituation war. Zwei Tunnel, die in eine Rampe mit unüberwindlich hohen glatten Mauern mündet und in den von allen 3 Seiten Menschenmassen strömen, kann doch wohl kaum kontrolliert werden. Außerdem war die Veranstaltung insgesamt zu groß für Duisburg und ich glaube Veranstaltungen solcher Größe an einem Platz zentriert können generell nicht gehandhabt werden.

Die letzten Tage waren für mich persönlich von Trauer und Entsetzen gezeichnet. Als Duisburger sehe ich mich auch mit als Gastgeber der Loveparade und schäme mich das ich persönlich nichts zur Sicherheit der Besucher beitragen konnte bzw. den Organisatoren vertraut habe. Voller Trauer denke ich auch an die Familien der Opfer und die vielen körperlich und seelisch verletzten Menschen.

Der Name meiner Heimatstadt wird nun mit dieser Katastrophe verbunden bleiben und es wird auch der Eindruck bleiben das die Verantwortlichen nicht den Anstand und Respekt hatten durch einen rechtzeitigen Rücktritt im Namen für uns Duisburger unsere Verantwortung und unsere moralische Schuld zu zeigen. Den diese ist eindeutig, auch wenn rechtlich etwas anderes herauskommen sollte.

Update #1:

Patrizia schildert wie die Situation oberhalb der Rampe zu dem Zeitpunkt war:

In meinem Facbook Eintrag hat sich ebenfalls ein Diskussion entsponnen:

Update #2 [31.08.2010]:

Mittlerweile wurden einige Überwachungsvideos des Veranstalters der Loveparade veröffentlicht. Die Frage die mich immer beschäftigte war, wann war ich eigentlich dort. Nun habe ich mich auf den Videos gefunden und offensichtlich bin ich um 16:37 Uhr an der Umzäunung des Überwachungscontainers angekommen. Aus dem Tunnel raus kam ich kurz vor 17:00 Uhr. Ein weiterer Mosaikstein zum Verständnis der Vorgänge…

1 Kommentar to Loveparade – persönliche Verarbeitung

Martin Jacobs
28. Juli 2010

Man, da bist du aber mit einem blauen Auge davon gekommen. Hab gar nicht regsitriert, dass es bei dir so knapp war.

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